Suche:

Das Schmerzgedächtnis

Was chronische Schmerzen bei betroffenen Menschen in Leib und Seele anrichten, können Hirnforscher, Mediziner und Psychologen inzwischen auf vielen Ebenen nachweisen.


Solche Einsichten bilden die Grundlage von neuen Behandlungskonzepten, um die Chronifizierung der Pein zu verhindern oder um Dauerschmerz zu lindern.

 

Veränderung der Nervenzellen

Am Anfang verändert sich das Nervensystem, dann werden andere Körperfunktionen und die Psyche beeinträchtigt: Chronische Schmerzen nehmen den ganzen Menschen in Besitz. Was sich im Organismus abspielt, wenn der "bellende Wachhund der Gesundheit", der akute Schmerz, seine Warnfunktion verliert und zur Dauerfolter wird, haben Wissenschaftler in den letzten Jahren herausgefunden. Denn die Veränderungen sind heute auf vielen Ebenen nachweisbar: im Erbgut von Nervenzellen, bei der Produktion von Hirnbotenstoffen (Neurotransmitter), bei der Kommunikation von Zellen und Zellverbänden, in der Aktivität des Gehirns und in der Psyche. Damit ist das höchst subjektive Gefühl "Schmerz" für die Forscher objektivierbar geworden.

"Schmerz kann man sehen und quantifizieren", sagt Professor Walter Zieglgänsberger vom Max Planck-Institut für Psychiatrie in München. Leiten Nervenfasen einen starken Schmerzreiz aus dem Körper zu den Nervenzellen des Rückenmarks, ist im System binnen Sekundenbruchteilen "der Teufel los": Die Zellen setzen Botenstoffe frei, etwa die Substanz P (P = pain) oder Glutamat, es öffnen sich Ionenkanäle, die "Tore" der Zellen, Calcium strömt ein. Über komplexe Signalkaskaden aktivieren Botenstoffe bestimmte Enzyme, die die Empfänglichkeit der Zellen für weitere Reize verstärken. Bindungsstellen (Rezeptoren) auf der Zelloberfläche für Botenstoffe werden somit leichter aktivierbar, ihre Produktion wird hochgefahren. Doch gleichzeitig wird dieser Aufruhr in einem gesunden Organismus auch gedämpft: Das Gehirn schickt hemmende Signale und Nervenzellen produzieren körpereigene Schmerzhemmer, die Opiat-ähnlichen Endorphine und Substanzen, die Cannabinoiden ähneln.

Ist diese körpereigene Schmerzabwehr stark genug und bleiben weitere Schmerz-Impulse aus, kommt das System zur Ruhe, verblasst die Gedächtnisspur im Nervensystem binnen Tagen bis Wochen.

 

Das Schmerzgedächtnis

Anhaltende und starke Schmerzen münden hingegen in einen echten Teufelskreis: Wenn die Nervenzellen im Rückenmark ohne Pause "feuern", strömt dabei verstärkt Calcium in die Zellen ein. Die Folge: die Reizübertragung von den schmerzleitenden Nervenbahnen an Überträgerstellen (Synapsen) auf die Neuronen wird hochreguliert.

"Man kann das mit dem Lauterdrehen eines Verstärkers in der Musikanlage vergleichen", übersetzt Professor Jürgen Sandkühler von der Universität Heidelberg diesen Vorgang in Alltagserfahrung. "Wird das ständige Feuern der Neurone nicht durch eine ausreichende Schmerzbehandlung frühzeitig durchbrochen", erklärt der Experte, "verselbstständigt sich der Prozess, weil die körpereigene Schmerzhemmung diesen Mechanismus dann alleine nicht mehr unter Kontrolle bekommt." Die Nervenzellen werden hypersensibel und melden auch bei harmlosen, schwachen Reizen das Signal "Schmerz", selbst dann, wenn die eigentliche Schmerzursache schon nicht mehr existiert.

Das Dauerbombardement verändert die Schmerzverarbeitung und die Spiegelung von Körperarealen im Gehirn "und irgendwann", so Zieglgänsberger, "ist das Schmerzbild im Nervensystem eingebrannt".

Das System hat - ähnlich wie bei der Verarbeitung anderer Sinnesreize - den Schmerz "gelernt". Doch die verhängnisvolle Schmerzkaskade beeinflusst nicht nur das Nervensystem: Die Verknüpfung von Nerven- und Immunsystem über Botenstoffe führt beispielsweise auch dazu, daß etwa Substanz P Entzündungsprozesse verstärkt oder selbst auslöst. "Substanz P wirkt auch als Entzündungsbotenstoff", erklärt Professor Manfred Zimmermann. So kann eine sogenannte "neurogene Entzündung" entstehen, die sich auf eine bereits bestehende Entzündung im Körper quasi "aufpfropfen" und diese verstärken kann.

"Solche Mechanismen beobachten wir", so Zimmermann, "nicht nur bei rheumatischen Leiden, sondern auch beispielsweise bei entzündlichen Erkrankungen des Darmtraktes, wie Morbus Crohn." Wissenschaftler von der Universität im dänischen Aalborg berichten auf dem Heidelberger Symposium beispielsweise, daß etwa Patienten mit Weichteilrheumatismus (Fibromyalgie) oder Reizdarm aufgrund derartiger Mechanismen auf schmerzhafte Reize empfindlicher reagieren als gesunde Menschen.

Quelle: PM AG der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

 

Lesen Sie mehr zum Thema "Chronische Schmerzen":

 

<< zurück zur Übersicht "Chronisches Schmerzsyndrom"

Das Burn-Out-Syndrom ist eine immer häufiger auftretende Zivilisationskrankheit. [mehr...]

Die Angst sitzt mir im Nacken". "Es lastet alles auf meinen Schultern" - Bei Rückenleiden ist die Ursache oftmals in der Psyche zu finden. [mehr...]

Der Gesundheitsseiten24 Newsletter
Seien Sie stets über die neuesten Gesundheitsthemen informiert.

Studie: Angst kann Blut in Adern «gefrieren» lassen

Bonn (dpa) - Sehr ängstlichen Menschen «gefriert» das Blut eher in den Adern als anderen. Sie neigen

 [mehr...]

Persönlichkeitsstörung muss behandelt werden

Berlin (dpa/tmn) - Ob starkes Misstrauen oder übertriebener Perfektionismus - die Grenze zwischen «S

 [mehr...]

Viele denken bei dem Wort „Krebs“ an langes Leiden und den Tod. Die Diagnose bringt extreme seelische Belastungen mit sich, die zu einer psychischen Erkrankung führen können. Angst und Depressionen schränken die Lebensqualität stärker ein, als die Krebserkrankung selbst. [mehr...]

Manche Menschen fühlen sich dauerhaft gestresst, erschöpft und krank. Auch Arztbesuche und die verschriebenen Medikamente lindern die Beschwerden nicht und der Betroffene muss bedingt durch den andauernden Krankheitszustand von der Arbeit fernbleiben. In solchen Fällen muss der Arzt beurteilen, ob eine Kur medizinisch notwendig ist, um sich wieder zu regenerieren bzw. vollständig zu genesen. Empfiehlt der Arzt eine Rehabilitation, hat der Betroffene einen Anspruch auf eine Kur und man spricht auch offiziell von einem „Vorsorge- und Rehabilitionsanspruch." [mehr...]