Wechselwirkungen

Wechselwirkungen bei chronischen Schmerzen
Dass die schmerzhafte Aufruhr im Nervensystem auch die psychischen Funktionen eines Menschen, seine Lebensfreude und seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, ist also klar.
Doch inzwischen haben Psychologen herausgefunden, dass diese Prozesse keine Einbahnstraße sind: Wie ein Mensch mit Schmerz umgeht, spielt bei der Chronifizierung der Pein ebenfalls eine große Rolle. Psychologen haben bestimmte Reaktionen bei Schmerzpatienten als Risikofaktoren für eine Chronifizierung entdeckt.
Angst vor dem Schmerz
So entwickeln Schmerzpatienten starke Ängste und setzen dadurch einen Teufelskreis in Gang. Denn Angst verändert die Schmerzverarbeitung im Gehirn und kann verhindern, dass das Schmerzgedächtnis durch neue, positive Inhalte überschrieben wird.
Bei der Entstehung chronischen Schmerzen spielt die Angst vor der Pein eine entscheidende Rolle. Weil Schmerz unangenehm ist, wird die Erinnerung daran mit dem Gefühl “Angst” verknüpft. Diese unangenehmen oder schmerzhaften Erfahrungen sind also besonders intensive Anreize, bestimmte Dinge zu lernen – wie jedes Kind beim Anfassen einer heißen Herdplatte erfährt. Schließlich soll Schmerz dafür sorgen, dass wir bestimmte Schadensquellen meiden.
Professor Walter Zieglgänsberger, Neuropharmakologe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München verglich die Situation von Schmerzpatienten deshalb mit jener von Folteropfern. Auch eine Folter funktioniert nicht nur aufgrund der direkten körperlichen Gewalt, sondern alleine schon durch die Androhung von Schmerz und der Angst davor. »Dies führt bei Patienten, die immer wieder oder ständig Schmerzen haben, schließlich dazu, dass sie – ähnlich wie Folteropfer – eine so genannte posttraumatische Stresserkrankung entwickeln«, erklärte Zieglgänsberger. Die Angst vor dem Schmerz wird übermächtig und beginnt das Leben zu dominieren. Die Betroffenen meiden Situationen, in denen sie schon einmal Schmerzen gehabt haben, und sind davon überzeugt, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr tun können, weil dann die Pein wiederkommt.
Die Angst verhindert also, dass Patienten Dinge tun, die ihnen Freude bereiten, Experten nennen dies Angst-Vermeidungsverhalten. Dieses schränkt die körperlichen und sozialen Aktivitäten zunehmend ein, was wiederum Schmerzen, körperlichen Abbau und Depression fördert.
Die Folgen
Am Ende dieser Abwärtsspirale ziehen sich die Patienten völlig zurück, gehen nirgendwo mehr hin, weil sie überzeugt sind, dass sie unmöglich längere Zeit stehen, gehen oder sitzen können, selbst wenn es doch einmal möglich wäre. Denn die angstbesetzte Erinnerung an den Schmerz ist immer da, selbst dann, wenn keine Schmerzimpulse mehr aus dem Körper im Nervensystem einlaufen.
Ein hohes Risiko für Dauerschmerzen haben auch Menschen, die auf Schmerzen mit Hilflosigkeit oder Katastrophisieren reagieren oder sich als "fröhliche Durchhalter" gebärden, nach dem Motto "Zähne zusammenbeißen und durch".
Experten sind sich einig, dass aufgrund der Wechselwirkung zwischen Schmerz und Psyche, Schmerzen nicht nur frühzeitig und ausreichend mit Medikamenten, sondern auch mit psychologischen und verhaltensmedizinischen Strategien behandelt werden müssen. Denn auch diese beeinflussen letztendlich - Arzneistoffen ähnlich - die Biochemie des Schmerzsystems.
Quellen: PM Deutscher interdisziplinärer Schmerzkongress Frankfurt/M und Forum-Schmerz im DGK (sra), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
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